Der längste Sommer Tirols.
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Tausend Jahre sind ein Tag

Tausend Jahre sind ein Tag

Tausend Jahre sind ein Tag

Tausend Jahre sind ein Tag

Tausend Jahre sind ein Tag

Bei geführten geologischen Wanderungen lernt man die Spuren der Vergangenheit entschlüsseln und die Landschaft „lesen“. Diese ist oft so spannend wie ein Abenteuerroman...

Das Reiseunternehmen, das Touristen mit voll klimatisierten Bussen in die Vergangenheit beamt, gibt es leider (oder zum Glück?) noch nicht. Aber es geht auch einfacher, nämlich zu Fuß. Die Vergangenheit ist überall und man kann sie deutlich sehen, denn jeder geomorphologische Prozess hinterlässt Spuren. Man muss nur wissen, worauf man achten muss. Oder man hat kompetente Begleiter, die einem alles erklären. Zum Beispiel, was geomorphologisch bedeutet: formbildend. Die Geomorphologie untersucht also die formbildenden Prozesse der Oberfläche der Erde.
Die geologischen Wanderungen in der Ferienregion Sonnenplateau Mieming & Tirol Mitte sind bei Gästen deshalb so beliebt, weil sie nicht nur ein „oberflächliches“ Bild der Umgebung zeigen, sondern den Dingen auf den Grund gehen, bis weit in die Gesteinsschichten hinein. In der Gegend des Mieminger Plateaus bestehen die drei wichtigsten Schichten aus Carbonaten – Hauptdolomit, Raiblerschicht und Wettersteinkalk. Aber keine Angst, zum Schaufeln, Pickeln und Graben wird bei diesen Exkursionen niemand verpflichtet. Man braucht zuerst einmal gar nichts tun, als für ein paar ruhige Momente die Augen zu schließen und sich vorzustellen, wie es früher hier ausgesehen hat.

Kürzlich, vor 20.000 Jahren
Wenn Geologen von „früher“ reden, meinen sie meistens nicht Uromas Zeiten, sondern Jahrmillionen oder Jahrtausende früher. Vor ca. 100.000 bis 20.000 Jahren herrschte die Würm-Eiszeit. Das ist erdzeitaltersmäßig gesehen gar nicht so lange her. Damals war das ganze Inntal mit Gletschereis bedeckt, bis auf über 2.000 Meter hinauf. Nur die höchsten Berggipfel wie zum Beispiel der Tschirgant (2.370 m) und die Hohe Munde (2.662 m) hatten noch Luft und ragten über das „ewige Eis“ hinaus, das keinesfalls ewig währte, sondern abschmolz, zunahm und wieder schmolz, bis schließlich nur noch kleine Gletscher übrigblieben. Die vielen schönen Alpen- und Voralpenseen sind noch Über­reste der riesigen Eisstromnetze. Auch die heutige Form der Berge und Mittelgebirgsterrassen hat sich damals ausgebildet.
Wenn das Inntal unter weißen Wolken liegt und man selber auf einem Berggipfel steht, kann man es sich bildhaft vorstellen: Bis dorthin, wo die Hohe Munde sich ein paar hundert Meter unter den Gipfeln wölbt und rundlich wird, schmiegte sich einstmals das Eis. Beim Rückzug der Gletscher füllte sich das Tal mit Moränenmaterial und Schotter, die Seitenbäche des Inntals bildeten große Schwemmkegel und damit die Aussichts- und Sonnenterrassen des heutigen Tiroler Mittelgebirges. Das Mieminger Plateau ist vermutlich zusätzlich durch einen riesigen Bergsturz entstanden. Was heute eine Katastrophe wäre, hat damals keinem Menschen geschadet und ist mitverantwortlich für die wunderbar abwechslungsreiche Bergwelt rund um die Mieminger Kette.

Menschheit im Schöpfungsschlummer
Dass es während der Eiszeit hier überhaupt hohe Berge gab, hat auch einen Grund: Die afrikanische Platte machte sich Jahrmillionen vorher auf Kollisionskurs mit dem europäischen Kontinent, es kam zu einer tektonischen Überlappung, die Alpen stülpten sich aus dem Urmeer „Thetys“ auf wie Plissee, weshalb sie auch als Faltengebirge bezeichnet werden. Das geschah im Erdmittelalter „Trias“ vor ca. 230 Millionen Jahren. Die Menschheit lag damals noch im Schöpfungsschlaf, es sollte noch lange dauern, bis die ersten Prototypen das Licht der Welt erblickten, nämlich vor rund 500.000 Jahren.
Was es allerdings gab, waren Meerestiere zuhauf und so kann man am Mieminger Plateau Fossilienfündig werden. Wer zum Beispiel beim Stöttlbach aufmerksam Ausschau hält, findet zwischen den grauen Bachsteinen auch gelegentlich dunklere Felsstücke aus den Raibler-Schichten, die Fossilien erkennen lassen. Auch hat man am Mieminger Plateau erst kürzlich Fischsaurierzähne entdeckt, was den ersten Fischsaurierbeweis in den nördlichen Kalkalpen darstellt, wie Mag. Florian Westreicher erzählt. Er ist Biologe, engagierter Wanderführer und einer der erfahrensten geologischen Spurensucher der Region.
Wenn man mit den Mieminger Exkursionsguides unterwegs ist, steuern sie zwar nicht direkt auf den nächsten Steinabdruck eines Fischsauriers zu, denn solche Funde sind selten, aber sie finden eventuell Abdrücke von Muscheln und Schnecken, oder bücken sich nach einem unscheinbaren Stein und geben zum Beispiel wie Florian folgendes Urteil ab: „Gerundete Kanten, graugrünliche Farbe, was auf Eisen schließen lässt – das ist ein Amphibolit, vermutlich aus den Ötztaler Alpen, mittransportiert und abgeschliffen von fließendem Wasser.“

Hinweise für Inn-Sider
Der größte dafür in Frage kommende Transporteur ist neben den Eiszeitgletschern natürlich der Inn. An seinen Ufern findet man immer wieder Steine auch aus seinem Ursprungsgebiet, Juliergranite vom Schweizerischen Malojapass und aus dem Engadin. Ja sogar aus dem Bergell schwemmt er Steine an. Kleine Bergbächlein, die nicht in Richtung Italien fließen, haben sie ihm wahrscheinlich zugeführt.
Wer „Landschaft liest“, hat neben Steinen und Fossilien aber noch weitere wichtige detektivische Helfer: Aus Pflanzen lassen sich spannende Rückschlüsse ziehen. Südlich des Inns wächst die rostrote Alpenrose, nördlich des Inns die behaarte Alpenrose, denn der Inn bildet die Grenze zwischen kristallinem Gestein und Kalkbergen. Erika zum Beispiel mag Kalk, Heidekraut kristallines Gestein. Deshalb ist das Mieminger Plateau so reich an Erika, die im Frühling die Waldböden rot färben. Das Heidekraut auf der anderen Inn-Seite blüht im Herbst.

Alles in Bewegung
„Man muss nur ein paar wichtige Zeigerpflanzen kennen und schon weiß man mehr über eine Landschaft und ihre Entstehung“, erzählt Dr. Werner Schwarz, wissenschaftlicher Naturkundler, ehemaliger Gymnasiallehrer und Naturschutzbeauftragter des Landesumweltamtes für die Region Imst. Auch er arbeitet als Wanderführer und hat von seiner Wohnung in Stams die Mieminger Kette im Blick, an der er jeden Schrund und jede Wölbung kennt. Der „Gache Blick“ sagt er, sei ein Ort, wo man die einzelnen Gesteinsschichten besonders gut sehen könne. „Gach“, also schnell, sollte man sich dabei aber nicht umblicken, sonst übersieht man wieder die wichtigsten Spuren.
Florian Westreicher und Werner Schwarz können stundenlang erzählen und verstehen es, ihre Begeisterung gut zu vermitteln, denn Steine, Fels und Gebirge sind nicht tote Materie. „Alles ist ununterbrochen in Bewegung, die Erde ist ein dynamisches System“, sagt Florian. „Die Berge stülpen sich noch immer auf, aber weder die Mieminger Kette noch die anderen Berge werden höher, weil die natürliche Erosion genau so viel wieder abträgt, wie die Berge an Höhe gewinnen – nämlich ca. ein Millimeter pro Jahr.“
Manchmal sind die Berge ein bisschen zuviel in Bewegung, weil aufgrund der Klimaerwärmung der Permafrost schmilzt und sich dadurch viel Lockermaterial löst. Aber die offiziellen Wander- und Bergwege in der Ferienregion Sonnenplateau Mieming & Tirol Mitte werden alle regelmäßig auf Sicherheit geprüft.
Einer spannenden geologischen Zeitreise steht also nichts im Weg!

 

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