Der längste Sommer Tirols.
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Was der Schuster so alles leistet!

Was der Schuster so alles leistet!

Was der Schuster so alles leistet!

Was der Schuster so alles leistet!

Was der Schuster so alles leistet!

Was der Schuster so alles leistet!

Wenn einer weiß, wo der Schuh drückt, dann er. Und das nicht nur in handwerklicher Hinsicht. Klaus Ruech und sein gleichnamiges Schuhhaus in Barwies sind eine Institution, ein Kommunikationszentrum am Mieminger Plateau. Seine Werkstatt ist offen für alle(s), auch für einen sehr gemütlichen Besuch von ferienhoch.at.

„Magst an Kaffee?“ – Das ist eine der Standardfragen, wenn man zum „Schuachter“ (Schuster) Ruech kommt. Jedenfalls bis zum späten Nachmittag, danach kann auch etwas Kühleres, Gehaltvolleres im Angebot stehen. Wobei der „Schuachter“ Sammelbegriff ist für zwei Geschäftszweige des Familienbetriebes in bald dritter Generation: Zum einen das alte Handwerk der Schusterei und Reparatur, zum anderen das Ladengeschäft mit hochwertigen neuen Berg- und Wanderschuhen, Turn- und Modeschuhen, Rucksäcken, Bergsport, Taschen und Zubehör. Den Chef wird man am ehesten in seiner Werkstatt treffen, empfundenermaßen seit 60 Jahren unverändert. Die Werkstatt, nicht der Chef, denn der ist erst 54. Die Schwelle in sein „Reich“ ist niedrig, ganz allein ist der Klaus dort selten. „Raatschn“, also Plaudern, während er mehr oder weniger knifflige Arbeiten an Schuhen, Taschen und vielem mehr verrichtet, das mag er.

Standfest & leichtfüßig
Nicht selten kommt auch jemand durch die Hintertür, von der nur Eingeweihte wissen. Und manche haben den Laden auf diese Weise auch wieder verlassen, wenn sie ein wenig länger als geplant geblieben sind. Jetzt öffnet sich diese Tür und herein tritt Rudolf Ruech, der Grandseigneur der Ruech-Dynas­tie, Firmengründer und mit 89 Jahren zwar in Pension, jedoch Unruhestand. Denn seinen Arbeitsplatz hat er immer noch in der kleinen Werkstatt und täglich greift er zum Werkzeug für kleinere Reparaturen. Er tut es gerne, dazwischen gönnt er sich von Zeit zu Zeit eine Zigarette. „Die haben mir schon geschmeckt, da habt ihr alle noch in die Windeln gemacht“, stellt er klar. Rudolf Ruech ereilte das übliche Schicksal junger Männer, die zum falschen Zeitpunkt in voller Kraft standen: Wehrmacht, Gebirgsjäger, Russland, Kriegsgefangenschaft. Danach Neustart für das Leben nach dem Krieg: 1949 begann er als gelernter Schuster/Schuhmacher in Mieming, 1962 eröffnete er sein Geschäft. 1964 brannte alles ab und der junge Familienvater baute wieder auf. So gibt es das Schuhhaus Ruech in Barwies gegenüber der Pfarrkirche zur Heiligen Dreifaltigkeit „seit man denken kann“, wie es Klaus Ruech formuliert. Und es gibt kaum einen Fuß am Mieminger Plateau, der nicht zumindest einmal in einem Schuh aus diesem Hause steckte, denn die meisten KundInnen kommen immer wieder.

Geschichte mit Zukunft
Hauptgrund dafür ist die hohe Qualität der Arbeit bei Änderungen und Reparaturen sowie das Angebot an neuem Schuhwerk. „Wenn du Service und gute Marken bietest, kommen die Leute wieder und werden Stammkunden“, weiß Klaus Ruech um das Erfolgsrezept seines Betriebes, den er 1985 vom Vater übernommen hat. Zum Service gehören neben Reparaturen, Neubesohlungen, Schuhanpassungen und vielem mehr auch viele Nicht-Schuhwerke: Gürtel, Taschen, Golfbags, Koffer – es gibt nix, was sich nicht reparieren lässt. Oft ist Einfallsreichtum gefragt: „Die Materialien haben sich stark verändert, du musst ständig mit der Zeit gehen“, so Klaus Ruech. Sein liebstes Material ist aber nach wie vor Leder, der Idealfall sind gute Schuhe, die sich der Träger während ihrer „Laufzeit“ gerne zwei Mal besohlen lässt. So soll das sein. Wurden in den 1960er-Jahren von Senior Ruech noch zahlreiche Schuhe in Handarbeit hergestellt, ist der „Schuhmacher“ heute streng genommen gar keiner mehr. Er kann’s, macht’s aber nicht mehr. Ganz anders der Orthopädie-Schuhmacher bzw. Orthopädie-Schuhtechniker, wie das neuerdings heißt. Diesen Beruf lernt nämlich derzeit die Tochter des Hauses Ruech, die 23-jährige Verena. Nach einer Koch- und Kellnerlehre hat sie bei ihrer Gesellenprüfung gesagt: „So, jetzt werd ich Schusterin“. Sehr zur Freude vom Papa, der aber gleich betont: „Ich habe sie nie dazu gedrängt, das kommt aus freien Stücken.“ Was fasziniert eine hübsche, junge Frau, die für diese Werkstatt irgendwie zu modern wirkt, an diesem Beruf? „Das Spezialgebiet Orthopädie ist ein Beruf mit Zukunft. Zudem kann ich mit meinen Händen arbeiten – und das ein Leben lang.“ Alle drei Generationen nicken bei diesem Satz und kurz ist es ganz still im Raum. Verena wird nach ihrer Meisterprüfung den „Laden“ hier übernehmen, der Fortbestand des Schuhhauses Ruech ist also gesichert. Noch ist aber Klaus der Chef hier und der beschließt, weil es mittlerweile bereits dämmert, Feierabend sein zu lassen. Er zieht die Schürze aus und legt sie auf den Tisch. Nach Hause geht es nicht gleich, denn noch sitzen und stehen ein paar gute Freunde des Hauses in der Werkstatt. Zeit für einen ­„Huangart“ ohne Arbeit daneben.

 

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