Der längste Sommer Tirols.
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Die „Wildwochen“ und ihr Hintergrund

Die „Wildwochen“ und ihr Hintergrund

Die „Wildwochen“ und ihr Hintergrund

Die „Wildwochen“ und ihr Hintergrund

Die „Wildwochen“ und ihr Hintergrund

Die Tage werden kürzer, die Nächte naturgemäß länger. Bleibt an den Abenden mehr Zeit für kulinarischen Genuss. Das ist aber nicht der Grund, warum man nach dem längsten Sommer Tirols in den Gasthäusern der Ferienregion Sonnenplateau Mieming & Tirol Mitte ganz wild auf die „Wildwochen“ ist. Der ist aber ähnlich pragmatisch: Es ist Jagdsaison und dementsprechend gibt’s viel Wildbret. Reinhard Weiss, Hegemeister und Berufsjäger im großen Gebiet rund um Telfs, gibt für ferienhoch.at Einblick in das heimische Jagdwesen. Weidmanns Dank!

Jenen, die meinen, diesen Vierzeiler (siehe rechte Seite oben) schon einmal wo gelesen zu haben, sei geholfen: Der steht auch auf den kleinen und großen „Jägermeister“-Flaschen. Hätte man gar einige dieser Kräuterschnäpse intus, könnte man über den Hirschen mit dem Kreuz zwischen dem Geweih philosophieren, der dem Hersteller im deutschen Wolfenbüttel seit jeher als Logo dient. Am besten mit Erinnerung an die Sage rund um den Hl. Hubertus, dem Schutzpatron der Jagd. Und dem Wissen darum, dass Curt Mast, der Erfinder der würzigen Spirituose, ein begeisterter Jäger war. Das ist auch Ing. Reinhard Weiss, er kennt allerdings weder die grüne Flasche noch den Spruch. Wenngleich er sehr wohl ein Genießer ist, dazu später mehr. Dafür hat er selbstironisch in seinem kleinen Büro im Marktgemeindeamt Telfs eine andere „Weisheit“ als Cartoon an den Schrank geklebt: „Ein Jäger ist ein Bewaffneter, der sich von seinem Hund durch den Wald ins nächste Wirtshaus ziehen lässt.“ Zwischen diesen zwei Sprüchen lässt sich im Interview wunderbar das ganze Spektrum der Klischees rund um die Jagd und ihre Protagonisten abarbeiten.

Jagdsaison nach Plan
Da sitzt er nun am Schreibtisch, der Förster, Hegemeister und Berufsjäger, verantwortlich für ein Jagdgebiet von 4.000 Hektar mit allen Schalenwildarten, vier Wildfütterungen und ein Hegegebiet von Wildermieming bis Zirl. Die Haarfarbe des 1965ers geht langsam in Richtung seines Nachnamens, die kurze Lederhose über jagdgrünem Hemd wirkt an niemandem passender als an ihm. Stets ein Lächeln im braun gebrannten Gesicht, verbringt er gut 70 Prozent seiner Arbeitszeit outdoor. Meist zusammen mit seiner Steirischen Hochgebirgs-Rauhaarbracke namens Akira von Brandschlag, momentan trächtig und dementsprechend müde.
Im Herbst hat Reinhard Weiss noch mehr zu tun als sonst, denn es ist Rotwildsaison. Die Hirschbrunft zum Beispiel ist ab Ende September/Anfang Oktober in vollem Gange und dieser Hormonrausch ist schuld daran, dass sich die sonst so scheuen Tiere am frühen Morgen und am Abend im Wald und auf Lichtungen zeigen. Dort warten in sicherer Entfernung die Jäger und Jagdgäste, eingeteilt streng nach einem bestimmten Abschussplan, den Weiss genehmigt hat: „Dieser wird berechnet nach dem Zuwachs, basierend auf der Winterzählung im Hegebereich. Man muss sich vor Augen halten, dass die Tiere die Jungbäume fressen oder schälen. Eine Überpopulation wäre fatal. Früher nutzten die Wildtiere die Auenwälder und ihr reiches Äsungsangebot. Durch die Besiedelung und den Bau von Eisen- und Autobahnen wurden sie immer weiter zurückgedrängt, der natürliche Zug ist nicht mehr da.“ Deshalb gebe es auch die winterliche Wildfütterung, mit der schon vor 100 Jahren begonnen wurde. Zudem bedinge der Wegfall von Großraubwild die Regulierung des Bestandes per Verordnung durch die Behörde.

Jäger & (kein) Sammler
Der Jäger darf also nicht, er MUSS Abschüsse tätigen und das in der Jagdsaison von 1. Juni bis 31. Dezember. Er kann diese aber auch an Jagdgäste mit Jagdkarte vergeben. Reinhard Weiss wacht dabei mit Argusaugen über die Einhaltung der gesetzlichen Grundlagen und ethischen Grundsätze: „Das Wild muss waidgerecht bejagt werden und es soll eine Chance haben zur Flucht. Wichtig ist, dass ein Hund dabei ist, der ein angeschossenes Tier schnell zur Strecke bringen kann. Kümmerndes und krankes Wild ist sofort zu erlösen.“ Er selbst sei kein Trophäensammler: „Beute machen zu wollen steckt in uns Menschen drin. Ich jage seit meinem 16. Lebensjahr, Trophäen besitze ich jedoch wenige. Ich habe mich immer bemüht, die Abschusspläne zu erfüllen und dabei bejage ich vorwiegend das weibliche Wild, das kein Geweih trägt.“ Apropos Beute: Gibt’s heute eigentlich noch Probleme mit Wilderern, wie man sie aus alten Heimatfilmen kennt? „Wir haben manchmal damit zu kämpfen, doch ist der Mythos Wilderei schwer verblasst.“

Fleischqualität ist top
Vom Abschuss auf den Teller wandert das Wildbret auf einem streng überwachten Weg. Nach dem fachgerechten Aufbrechen und Auswaschen des erlegten Tieres wird das Fleisch sofort der Kühlkette zugeführt. Die Jagdpächter haben hierfür eigene Kühlhäuser, in denen das Bret eine Woche abhängt. Währenddessen wird es von einem fachkundigen Organ beschaut und bekommt bei Erfüllung aller Qualitätskriterien einen Vermarktungszettel, mit dem es in weiterer Folge an Metzger und direkt der Gastronomie verkauft wird.
Und damit sind wir wieder bei den Wildwochen. Rund 440 kg Gams-, 800 kg Reh- und 1.720 kg Rotwild kommen im Jagdgebiet von Telfs zum Verzehr. Die heimischen Metzger und Köche zaubern daraus Köstlichkeiten, wie man sie nicht alle Tage findet, sondern eben nur während der Jagdsaison: ­Gams­würste, Gamssuppe- und Gulasch, Reh- und Hirschbraten, Ragouts & Co., freundlich begleitet von Knödeln, Blaukraut (Rotkohl) und Granten (Preiselbeeren) und lieblich umflossen von einem edlen Tropfen… Beim Gedanken daran leuchten die Augen von Reinhard Weiss, des begnadeten Hobbykochs. Gefragt nach seinem Lieblings-Wildgericht denkt er nach und antwortet sorgsam und mit einem genießerischen Nicken: „Hirschrücken, eingepackt mit Bauchspeckscheiben, aus dem Backrohr, zartrosa. Dazu Serviettenknödel, Blaukraut, glacierte Kastanien und Preiselbeersauce. Alles selbst gemacht, versteht sich.“ Der Hl. Hubertus segnet sicherlich all die himmlischen Speisen. Und prostet nach dem Genuss mit einem ihm gewidmeten Likörchen zu.

 

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