Der längste Sommer Tirols.
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Flotter Ausritt auf alten Eisen

Flotter Ausritt auf alten Eisen

Flotter Ausritt auf alten Eisen

Flotter Ausritt auf alten Eisen

Bei aller natürlichen Schönheit ist Tirol auch eine asphaltierte „Spielwiese“ für Leute, die ihr Glück am Rücken von Stahlpferden finden. Und das Sonnenplateau Mieming & Tirol Mitte ist perfektes Fahrerlager und Ausgangspunkt für Menschen mit Maschine. ferienhoch.at hat sich in den Sattel von überschaubaren 16,5 PS geschwungen und ist einem echten Biker-Wirt aus Obsteig bei einer Oldtimer-Traum-Tour hinterher geritten. Und zwar ausschließlich hinterher…

Johann Hofmann ist so ein Mann, der sein gerütteltes Maß an Wahnsinn gerne und mit einem breiten, schelmischen Lächeln zugibt. Wahnsinnig deshalb, weil seit Jahrzehnten oldtimerkrank. Überhaupt lacht er viel, der Johann, 45 Jahre jung, Gastwirt von Beruf, mittelgroß, mittelschlank, kurze schwarze Haare. Schwarz wie das Zeug auf seinen Arbeitshandschuhen: „Daran erkennst du mein Hobby: Öl und Dreck kriegt man kaum weg.“ Das Hobby (oder soll man sagen: Berufung?) sind Oldtimer-Motorräder, der Hobbyraum (oder soll man sagen: die Wirkungsstätte?) ist die große Garage neben seinem Gasthof Panorama in Obsteig/Holzleiten. Dort steht der Johann und erklärt dem Laien, was es mit der weißen Satteldecke – der Gummiüberzug auf dem Sitzgestell mit Drähten und Federn heißt wirklich so – und den baumwollummantelten Seilzügen an seiner zurzeit teilzerlegten NSU MAX 300 ccm aus dem Jahre 1956 auf sich hat. Beim Johann kommen nur originale und dem jeweiligen Baujahr entsprechende Teile zum Einsatz. Wenn es das Zeug noch oder wieder neu gibt, gut, wenn nicht, muss was Altes her. Nix Retro, sondern Vintage. Der Johann tut das nicht nur gern, sondern kann das auch. Als gelernter Maschinenschlosser und Hobbyschrauber seit 30 Jahren gilt er in eingeweihten Kreisen als Koryphäe und so manchem Biker, der bei ihm zu Gast oder mit ihm unterwegs ist, hat er auch den modernen „Bock“ wieder flott gemacht.

Fahrzeuge, nicht Stehzeuge
Alle seine fünf verbliebenen Oldtimer-Maschinen sind Alltagsfahrzeuge. Verblieben deshalb, weil es vor kurzem noch 17 – in Worten: siebzehn! – waren. „War aber dann doch zu stressig mit der Zeit, immer die Teile suchen, alles pflegen und warten…“. Man glaubt es ihm, auch wenn man ein bisschen Wehmut über die verflossenen „Geliebten“ zwischen den Worten zu hören glaubt. Die an dieser Stelle immer passende Frage nach einem eventuellen Veto von Ehefrau Elisabeth schmettert Johann ab: „Nein, sie kennt mich nicht anders, das war nie ein Problem.“ Auch nicht für die fünf Kinder im Hause, denn Johann ist leidenschaftlicher Gastwirt, Oldtimer-Freak UND Familienvater. Jedenfalls, um beim Thema zu bleiben, fegt er nicht jedes Staubkorn vom Lack, wischt nicht jeden Ölfleck vom Tank. Hochglanzpolierte Museumsstücke sind was für Weicheier, die Hofmannschen Vehikel sind Fahrzeuge, keine Stehzeuge. Zwei davon verleiht er sogar für von ihm geführte Touren.
Und genau deshalb ist ferienhoch.at heute hier: weil Johann als Biker-Guide seinen Gästen die schönste per Zweirad erfahrbaren Plätze in und rund um Tirol zeigt. Nicht nur auf Oldtimern, wenngleich er selbst immer einen seiner Veteranen fährt. Er war es auch, der schon zu einer Zeit, als noch viele Betriebe die Nase über die „Lederkracher“ rümpften, das Potenzial eines auf Motorradfahrer spezialisierten Hotels erkannt hatte. Und der Erfolg und der gute Ruf in Bikerkreisen geben ihm recht. Doch jetzt: Bitte, bitte endlich rauf aufs Moped!!

Motorisiertes Glück
So schnell geht’s aber nicht, Oldtimermotorradfahren ist keine Kinderjause. Der Leihhobel – eine Puch 250 SGS (Schwing-Gabel-Sport), 1954 in sportlichem Rot auf die Welt gekommen, will erstmal gestartet und beherrscht werden. Gut gelaunt gibt sich der luftgekühlte Doppelkolbenzweitaktmotor mit Frischölschmierung schon nach wenigen Versuchen die Ehre. Er wäre auch gleich angesprungen, hätte der Rookie den Benzinhahn aufgedreht. Der dünne Latexsattel vermag die Schwingungen leidlich abzudämpfen – man bekommt eine Vorahnung, wie sich das Gesäß am Abend anfühlen wird. Und die Hände und die Füße, denn das alles hier zum Kuppeln, Schalten und Bremsen ist eben nicht retro, sondern…? Richtig: vintage! Aber: Akrobat – schööön! Johann haucht mit einem kräftigen Tritt seiner 500er Einzylinder Moto Guzzi Nuovo Falcone bollerndes Leben ein. Sie gehorcht sofort, ist ja auch eine Militärmaschine. „Das ist richtiges Motorradfahren, oder?! Das kann nicht jeder!“, ruft er seinem heutigen Fahr-Gast Mut zu für eine exklusive Tour in die „Eng“ – wo immer die auch sein mag. Eng sitzt auf jeden Fall der Helm und jetzt geht’s los!
Die ersten Kilometer Richtung Telfs über den Holzleitensattel und das Mieminger Plateau gewöhnt sich Mensch an Maschine. Das hellblau-weiße Fähnchen hinten aus dem Auspuff tut Kunde vom Zweitakter und vereint sich mit dem Grün der Landschaft, dem Dunkelblau des Himmels, dem Gelb der Sonne, dem Rot des Lacks und dem Schwarz des Leders zum Farbspektrum der motorisierten Glückseligkeit. Den glänzenden Chrom nicht zu vergessen. Der Sound der beiden alten Damen ist eine schöne Abwechslung für unser Publikum am Straßenrand. Zurückwinken traut sich nur der Johann, der mit seiner 27-PS-Guzzi unerwartet viel Dampf macht. Die Rangordnung für den Ausflug ist also geklärt.

Jetzt wird’s „Eng“
Die erste Bergwertung führt von Telfs über Buchen aufs Seefelder Plateau nach Leutasch, wo Fahrern und Gefahrenen ein wenig Abkühlung gut tut. Hinunter nach Mittenwald und über die deutsche Grenze rollt – wie man so sagt – der Karren alleine. Die Orte Krün und Wallgau an der Deutschen Alpenstraße fliegen vorbei, wobei „fliegen“ bei durchschnittlichen 80 km/h ein Euphemismus ist. Bei Vorderriß biegt die Strecke schließlich ab in das Rißbachtal, eines der schönsten Täler im Naturpark Karwendel. Nach ein paar Kilometern passiert man wieder die deutsch-österreichische Grenze und knattert durch Hinterriß auf das Gebiet des Großen Ahornbodens zu. Dort also liegt die „Eng“, ein Almdorf mit mehreren Hütten, Schaukäserei und Gasthof auf 1.227 m. Die größte Melkalm Tirols ist ab dem Parkplatz 500 Meter vor dem Ziel nur zu Fuß zu erreichen, wofür sich die beiden braven Ladies, die auf der ganzen Fahrt nicht einmal gezickt hatten, beim Motorabstellen recht herzlich bedanken. Gute zwei Stunden haben wir für die knapp 90 Kilometer gebraucht, inkl. kurzer Rast. Die Anfahrt hat sich gelohnt: „Einer der absoluten Favoriten bei meinen geführten Touren“, schwärmt Johann, „schau dir das gewaltige Bergmassiv und die Naturlandschaft an! Die Alm gehört zum Tiroler Ort Vomp, ist von drei Bergen umschlossen und kann deshalb nur über Bayern erreicht werden.“ Tja, Natur vereint, was Politik einst trennte.

Hofmanns Erzählungen
Auf dieser Alm gibt’s Sünd’ und die heißt Bauernbrot mit Butter und Käse, alles hier hergestellt und serviert von einem hübschen Dirndl auf der Sonnenterrasse. Frage nicht, wie gut ein Bier dazu wäre, aber wer fährt, trinkt nicht. Also Limo. Anekdoten hat Johann viele abrufbereit, am liebsten berichtet er vom Beginn seiner Liebe für die heißen Eisen… Natürlich war es auch in Österreich der späten 1970er verboten, als 12-Jähriger Motorrad zu fahren. Aber Johann war schneller als die Polizei! Und es musste schon in der Jugend was Altes sein. Den Virus endgültig eingefangen hat er sich dann mit 16 Jahren in Form (oder Deform, wie man’s nimmt) einer Puch M50 Cross, Bj. 1972. Dieses gelbe Ding mit den schwarzen Rallyestreifen kostete 700,- Schilling, also 100,- DM, also 50,- Euro. Im Selbststudium brachte sich der Lehrling alles Nötige bei, um die Mühle so flott zu kriegen, wie er sich das vorstellte. Der Rest ist Legende. Motorräder aller Baujahre kamen und gingen, ein paar besondere Schätze hat er sich behalten. So die erwähnte NSU, die Puch und die Moto Guzzi unten am Parkplatz, eine zweite Italienerin aus selbem Hause namens Super Alce 500 von 1946 und eine Engländerin, eine BSA Type E 28 Light, 770 ccm, V-Twin von 1927. Und weil man nicht alles auf zwei Rädern transportieren kann, was so ein Gasthof täglich braucht, setzt er sich gerne in sein cremeweißes 1929er-Oldsmobile Sportcoupé SIX oder in seinen Chevrolet Blazer 6,2 l V8 Diesel von 1984 aus US-Army-Bestand in Tarnfarbenlackierung. Und fährt einkaufen. Wie gesagt, Fahrzeuge, nicht…. Apropos: Genug gerastet, der Heimweg ruft, der Fuß freut sich aufs Schalten, das Händchen aufs Kuppeln, der Hintern… nein, der nicht. „Eine Relaxtour, nicht zu anstrengend“, wie Johann meint. ferienhoch.at wird an diesem Abend beim Benzingespräch im „Panorama“ nach Leder, Öl, dem blau-weißen Fähnchen und toten Fliegen riechen. Und jeden Knochen und jeden Muskel spüren. Draußen in der Dämmerung wird die SGS stehen und stumm zum Schließen des Benzinhahnes ermahnen. Bis auch sie glückselig absäuft…

 

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