Der längste Sommer Tirols.
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Dem Himmel so nah...

Dem Himmel so nah...

Dem Himmel so nah...

Dem Himmel so nah...

Der Forstweg auf die Stamser Alm ist ein konstanter, langer Anstieg. Aber er belohnt die Wandersleute mit einer wunderschönen Panorama-Schau ins Inntal und aufs gegenüberliegende Mieminger Plateau. Und er bereitet auf die Einkehr in der urigen Almhütte und den bizarren Anblick einer barocken Kapelle mit Jagdhaus vor. Die Geschichte wandert hier nämlich mit: Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts ließ ein Prälat des Stamser Zisterzienserklosters auf 1.873 Metern Seehöhe eine Kirche mit einem geräumigen Wohnhaus erbauen. Hoch über den Klostermauern im Tal konnten die Ordensbrüder hier auf Sommerfrische gehen. Bis heute gilt dieses Gebäude-Ensemble als eines der prächtigsten und höchstgelegenen Baudenkmäler der Barockzeit.

Andachtsvolle Jause
Nach drei Stunden haben wir es geschafft. Wir sitzen auf der Sonnenterrasse der Stamser Alm, stärken uns mit selbstgemachten Schmankerln der freundlichen Pächter und lassen den Blick schweifen. Am Almboden zwischen Bärlehnkreuz und Kreuzjoch grasen Kühe, Schafe und Pferde, der blaue Himmel reflektiert im kleinen See knapp unterhalb der Kapelle. Wie aus Zeit und Raum enthoben wirken das renovierte Gotteshäuschen und das Wohnhaus, das verschiedensten Jagdgästen der Tiroler Landesfürsten als komfortable Unterkunft in den Bergen gedient haben soll. Leider sind die beiden Rokoko-Schätze nicht öffentlich zugänglich, aber ein Schluck aus dem Brunnen, dessen Wasser im 19. Jahrhundert als Heilquelle galt, tröstet darüber hinweg. So bleibt auch der Wahrheitsgehalt der Sage vom Geistermönch ungeklärt: Der soll sich nämlich – auf Sommerfrische geschickt – im oberen Stock des Almhauses erhängt haben. Heute noch seien dort manchmal tappende Schritte zu hören…

Über dem Horizont
Dass die Stamser Mönche keine Mühen gescheut haben, um ihrem Herrn ein Stück näher zu kommen, verwundert nicht. Seit jeher glaubt der Mensch, dass die Berge auch Sitz der Götter sind und dass man hier den himmlischen Mächten begegnen kann. Viele Kulturen stellen auf Gipfeln und Graten Symbole auf – in Tibet sind es etwa die bunten Gebetsfahnen, im Alpenraum die christlich geprägten Kreuze, die bereits Ende des 13. Jahrhunderts auf Pässen und Anhöhen errichtet wurden. Weshalb – siehe einen Absatz weiter vorne – viele Berggipfel das „Kreuz“ auch im Namen tragen. Aus Holz oder Metall, mühevoll auf den Gipfel geschleppt oder auch mit dem Hubschrauber angeliefert, senden sie bis heute ein Signal des Glaubens und der Dankbarkeit weit ins Land.
In den Gipfelbüchern verewigen Bergsteiger ihre Gemütsbewegungen angesichts der neuen Freiheit, während beim Aufstieg liebevoll gestaltete Marterln kurz zum Einhalt laden. Überall manifestiert sich die nach oben orientierte Spiritualität, die vertikale Sehnsucht des Menschen.

Steinerne Wächter des Pfades
Wer kennt sie nicht, diese turmartigen oder kegelförmigen Gebilde aus losen Steinen am Wegesrand? Die rauen Zeugen des vorbeikommenden Lebens sind frei von religiösen Bedeutungen und dienen hierzulande vor allem als Orientierungshilfe und Wegmarkierung, auch wenn heute die Wanderwege und Steige gut ausgeschildert sind.
Früher waren die steinernen Männchen bei Schneelage, Nebel oder Unwettern oft überlebenswichtig. Sie sind zwar meist recht stabil gebaut und halten Wind und Wetter stand, trotzdem kann es vorkommen, dass sie von einem Jahr zum nächsten umfallen und wieder in der Umgebung aufgehen. Menschenwerk und Natur liefern sich hier ein unspektakuläres Ringen um sichtbare Zeichen in der Vergänglichkeit.

Idyllische Energie-Tankstelle
Ganz besonders viele Steinmanderln säumen unseren steilen Aufstieg zum Hundstalsee über der Inzinger Alm. Dieses Mal ist ein ganz besonderer, spiritueller Kraftplatz unser Ziel, der unabhängig von religiöser Überzeugung jeden Wanderer zum Gläubigen macht. „Oh Gott, ist das schön!“, schnaufen alle, die den letzten Schritt über einen steinigen Hang herauf geschafft haben. Vor ihren Augen entfaltet sich in einem Hochgebirgskar ein – fast – unbeschreibliches Idyll. Am hinteren Ufer des türkisen Bergsees haben zwei Tiroler Künstler in jahrzehntelanger Kleinarbeit und mit viel Geschick, Begeisterung und Intuition einen steinernen Apollon-Tempel erbaut. Dem griechischen Gott des Lichts geweiht, ist das Kunstwerk nach alter Handwerkstradition entstanden: Keiner der Steine wurde behauen, alles wurde ohne Mörtel so ineinandergefügt, dass es passt und hält.

Selbsterkenntnis als Ziel
Die Erbauer Karl Heinz Triendl und Robert Tribus sahen in diesem Ort eine Art kosmische Tankstelle. Und tatsächlich fühlt man sich hier oben dem irdischen Alltag fern. Ein Murmeltier pfeift von irgendwo her, als es die bunten Wanderer am See entdeckt. Der Blick nach oben zeigt aber nur eine grasende Schafherde am Rücken des Grats, weiße Knäuel auf graugrüner Schroffheit, die in den Himmel ragt. Im See kräuselt sich wieder eine gespiegelte Welt. Und am Felsenthron ganz oben am Dach des Tempels sitzt ein Mensch, klein angesichts der majestätischen Natur, aber groß in seinem Sinn für das Erhabene. Wir ruhen uns aus und lesen „Erkenne dich selbst“. Die Inschrift über dem Zugang zum kühlen Inneren des Tempels rät zur apollinischen Weisheit. Keine leichte Aufgabe, aber hier oben lässt sich jedenfalls ein guter Anfang machen.

 

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