Wohnhaft in der Herzenskammer

Wohnhaft in der Herzenskammer

Wohnhaft in der Herzenskammer

Sie gehört zu den ganz großen österreichischen Charakterdarstellerinnen, die sich auch weit über den Grenzen des kleinen Landes in Herzen und Köpfe ihres Publikums spielt: Julia Gschnitzer ist nicht nur ein „Urgestein“ der Tiroler Volksschauspiele in Telfs, sie verbindet mit der Ferienregion tirolmitte auch eine lebenslange „Beziehung“, die ihre Wurzeln bereits in der eigenen Kindheit hat. Das Ferienhoch hat mit der Grande Dame unter Österreichs Schauspielerinnen über eine unwiderstehliche Natur, aufrichtige Menschen im Tiroler Oberland und das Theater in Telfs gesprochen.

ferienhoch.at: Die Stationen Ihres bewegten Theater- und TV-Lebens lassen sich kaum aufzählen. Auffällig ist, dass Sie immer wieder in Telfs gespielt haben, letztens 2010 in dem schwierigen Stück „Beauty Queen“. Was bedeuten die Tiroler Volksschauspiele in Telfs für Sie?

Julia Gschnitzer: Na ja, ich war schon damals 1981 bei den ersten Tiroler Volksschauspielen in Hall dabei, also kann ich mich durchaus als „Urgestein“ bezeichnen (lacht). Ich bin auch eine der wenigen aus der Anfangszeit, die noch überlebt hat. Hier in Telfs habe ich sehr schöne Theateraufführungen erlebt und fühle mich fast moralisch verpflichtet Telfs gegenüber. Deshalb habe ich auch für heuer zugesagt, obwohl ich mit der Rolle der bösen, alten Mag Folan sehr gerungen habe.

ferienhoch.at: Nun strahlen Sie nicht gerade das aus, was man gemeinhin unter „böse“ versteht. Einer ihrer Partner bei Hörspielen im österreichischen Rundfunk, Otto Grünmandl, sagte sogar einst: „Es wärmt mir jedes Mal das Herz, die Julia zu sehen. Sie ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Mensch. Sie ist wohnhaft in der Herzenskammer.“ Ist es nicht schwer für Sie, so verhärmt und kalt auf der Bühne zu agieren?

Julia Gschnitzer: Ach, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, bekommt man diese Rollen eben angeboten. Aber es widerstrebt mir persönlich schon. Ich will mich nicht streiten und wollte es auch nie. Und ehrlich gesagt bin ich noch nie so einem bösen Menschen begegnet und möchte es auch nie.

ferienhoch.at: Trotzdem spürt man das Herzblut, das in all Ihren Rollen steckt. So nach dem Motto: entweder ganz oder gar nicht?

Julia Gschnitzer: Ohne Herzblut funktioniert es nicht, ich versuche einfach, bei jeder Rolle die Figur von innen her mit Leben zu füllen. Manches wird mit der Zeit leichter, weil man alle Leben gelebt hat.

ferienhoch.at: Nun kommt noch ein weiteres Leben dazu: jenes der Friedensbotschafterin des Alpenraumes. Zu der wurden Sie im Oktober 2010 im Friedensdorf Mösern oberhalb von Telfs ernannt. Sie reihen sich damit ein in eine kleine, feine Schar von Menschen, die durch ihr Lebenswerk Grenzen überschreiten, die in den Entfaltungen der Kultur, Wirtschaft und Politik Wesentliches geleistet haben und leisten. Spielen Sie diese neue Rolle gerne?

Julia Gschnitzer: Sehr, sehr gerne. Es ist mir eine große Ehre und Auftrag, als Botschafterin für Frieden, Verständigung und gute Nachbarschaft in den Ländern der ARGE ALP zu agieren. Es geht hier um den sensiblen Alpenraum mitten im großen Europa, in dem ein friedliches Miteinander immens wichtig ist.

ferienhoch.at: Sie wohnen in Salzburg, allein schon aus geografischen Gründen wegen der Nähe zu den Theatern, an denen Sie spielen. Was bedeutet Ihnen Ihre Tiroler Heimat, die Sie oft nur aus der Ferne sehen?

Julia Gschnitzer: Um offen zu sein, ich bin eingefleischter Single. Bei mir war immer der Beruf im Vordergrund. Man ist viel unterwegs, damit muss man leben. Nun wäre ich aber ohne Freundschaften sehr einsam, insofern sind mir meine FreundInnen auch Heimat. Hier in Tirol sind meine Geschwister daheim, ich komme oft her und genieße diese Zeit auch sehr.

ferienhoch.at: Und die Ferienregion tirolmitte? Besuchen Sie die auch außerhalb des Theatersommers?

Julia Gschnitzer: Natürlich! Telfs ist mir schon seit frühester Jugend ein Begriff. Mein Vater nahm mich oft mit zum Wandern in der herrlichen Natur hier und auch beim großen Telfer Schleicherlaufen war ich schon sehr früh dabei. Außerdem liebe ich das Kochental hoch über Telfs, da kann mich zugegebenermaßen auch die vorübergehende Absperrung wegen der Lawinensicherung auf der Hohen Munde nicht von einer Wanderung abhalten. Überhaupt dieser Hausberg Munde: da oben bin ich schon mehrmals gestanden - ein unbeschreibliches Erlebnis!

ferienhoch.at: Und die Menschen? Wie kommen Sie mit denen klar? Dem Tiroler Oberländer werden ja mitunter eher herbe Wesenszüge attestiert?

Julia Gschnitzer: Ach, das kommt mir sehr entgegen. Das ist mir lieber wie jemand, der lang herumredet. Bei den Einheimischen hier weiß man sehr schnell, woran man ist. Das ist mir vertraut, das mag ich. Und das Theaterpublikum ist sowieso toll, sehr treu, und auch für schwere Stoffe zu begeistern.

ferienhoch.at: Ihr 50. Bühnenjubiläum haben Sie bereits gefeiert, 2011 steht ein runder Geburtstag am Kalender. Wird es für Sie ein „lautes“ oder ein „leises“ Jahr werden?

Julia Gschnitzer: Es sind einfach viele gute Projekte am Laufen, und da kann ich nicht anders als Arbeiten. In den letzten Jahren mache ich beruflich immer mehr, im Jahr vier oder fünf Hauptrollen, mehr ist nicht mehr unterzubringen, mit 20 habe ich weniger gemacht.

ferienhoch.at: Wir hoffen jedenfalls auf ein Wiedersehen in Telfs! Vielen Dank für das Gespräch.

 

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