Blaustrümpfe, Kropfband & Tirolerhut

Blaustrümpfe, Kropfband & Tirolerhut

Blaustrümpfe, Kropfband & Tirolerhut

Wer auf der Internet-Plattform YouTube nach Tiroler Trachten fahndet, bekommt folgende Kurzfilmchen präsentiert: Schützen, Reimmichl, Gauder Fest. Repräsentative Zufallstreffer? Sie illustrieren jedenfalls das Individuelle des alpenländischen Brauchtums- und Festtagsgewandes. In der trachtigen Ferienregion tirolmitte glänzt jedes Dorf mit eigener Tracht - Telfs sticht mit blitzblauen Stutzen ins Auge.

„Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut“, sang Anfang der 1960er Jahre Billy Mo aus Trinidad und landete einen Hit. Selbst trug der farbige Jazztrompeter, Schlagersänger und Psychologieprofessor dazu einen Filzhut mit Garnitur. Nur: Den Tirolerhut, den gibt es eigentlich gar nicht. Genauso wenig wie die Tiroler Tracht oder das Tiroler Dirndl. Was unbedingt zu beachten ist, denn nichts unterscheidet die Dorf- und Talgemeinschaften des gebirgigen Landes im Herzen Europas mehr voneinander als die jeweilige Tracht und nichts verbindet sie mehr miteinander als die Tracht - siehe den gewaltigen Aufmarsch der vielen unterschiedlichen Schützen- und Musikkapellenformationen beim Landesumzug 2009 in Innsbruck, anlässlich des Gedenkens der Tirol-Legende Andreas Hofer. Trachten dienen der Festigung der Gemeinschaft und ihren Ordnungen.

Telfer Tracht von der Votivtafel
Über Jahrhunderte bezeichnete man mit Tracht die Kleidung allgemein. An ihr konnte man Amt, Stand, Reichtum, Armut, Konfession und Region ablesen. Das Wort Tracht stammt von „getragen“ und erst seit etwa 200 Jahren bezeichnet der Begriff die aufwändige, kostbare Festtagsbekleidung. Die Tiroler Frauen tragen Miedertrachten (geschnürtes Miederleibchen, untergesteckter Brustlatz, weiße Bluse, gefalteter Rock). Männertrachten bestehen meist aus Lodenjacke, Weste, weißem Leinenhemd, knielangen Lederhosen, federkielbesticktem Gürtel (Ranzen) und Stutzen (Strümpfen). Die Telfer Schützen und Musikkapellenmitglieder trumpfen dabei mit grüner Jacke, rotem Wams und sehr blauen Kniestrümpfen auf, was ihnen zum Spitznamen „die Blaustrümpfler“ verhalf. „Anfang des 20. Jahrhunderts sammelte der Bürgermeister von Telfs, Bildhauer und Kaufmann Josef Pöschl, Votivbilder, um anhand der Abbildungen Skizzen zur Rekonstruktion der Telfer Tracht anzufertigen, die vom Künstler Einberger in Entwürfe umgesetzt wurden“, erklärt Helga Hofer vom örtlichen Heimatmuseum, „am 7. Juli 1904 wurde sie dann das erste Mal getragen“. Das Tüpfchen auf dem i war der breitkrempige schwarze Filzhut mit großer Seidenquaste und Pfauenfedern - also eine ganz spezielle Art des Tirolerhutes. Im „Nachbarort Rietz trugen die Frauen früher zur Tracht den ‚ebenen Hut’ mit Bändern“, erinnert sich Schneiderin Midl Kluibenschedl, „damals waren die Gewänder eher dunkel, weil es einfach nicht sehr viel Stoffauswahl gab.“

Sommerliche Miedertracht
Für Frauen hat in der Ferienregion tirolmitte, einem Teil des Oberinntales, die sommerliche Miedertracht Tradition. Gertrud Pesendorfer hat sie in ihrem Standardwerk „Lebendige Tracht in Tirol“ sehr präzise beschrieben: „Ein feinplissierter oder dichtgereihter schwarzer Wollrock ist dem Leibchen angesetzt. Er ist nach innen mit einem roten Belag besetzt, der schmal vorschaut. Das Leibchen ist aus dunklem Seidenstoff mit eingewebten Blümchen...Armausschnitt, Vorderkanten und der spitze Ausschnitt im Leiblrücken werden mit rotem Trachtenband besetzt. Farblich dazu passende, quer abgenähte rote Samtbänder zieren in drei Doppelreihen den Rückenteil. Der Brustlatz wird mit einem schönen Blumen- oder Lebensbaummotiv bestickt... Die Schürze ist glattblau, aus sehr feinem Leinen, Wolle oder Seidenleinen.“ Typisch sind auch die Manschetten am Ellbogen. Auch Tirols Ur-Satyriker Sepp Schluiferer bedachte in seinem vor 100 Jahren erschienenen Band „Fern von Europa. Tirol ohne Maske“ die älplerische Gewandstrategie mit einer kurzen Beschreibung: „Purgl nun zog ihre ‚Volkstracht’ an. Ein europäischer Schneider hatte sie ihr erfunden und zugeschnitten: grüner, breiter Hut mit einer weißen und einer roten Hahnenfeder rückwärts, ein goldgesticktes Mieder, das ihre flache Brust mit einer gefälligen Wölbung versah, ein blumenbestickter, ziemlich kurzer Rock. So stand sie, einen bunten Schal um die Schultern, vor der Haustüre, sobald ein paar Skifahrer oder Rodler ohne Damenbegleitung vorbeikamen. Zu diesen sagte sie: Grüaß Gauoood! Das war alles und es genügte.“ Leitet eigentlich vorzüglich zur modernen Dirndlphilosophie über.

Aufmärsche & Dirndlhimmel
Das Kapitel Dirndl eröffnet man zeitgenössisch knackig mit dem Dirndlsong von Antonia aus Tirol: „Fass mir an mein Dirndl Bubi und sing boogie woogie“. Diese sozusagen profane Variante der Tracht erlebte einen sagenhaften weltweiten Siegeszug als modische Novität ab den 1930er-Jahren. Dirndl leitet sich von „junger Frau ab“. Im Gegensatz zu der Volkstracht ist die Modetracht auch eine Art Dienstbekleidung in der Gastronomie des Alpenraumes, fokussiert gerne auf ein üppiges Dekolleté und erfreut mit Farbenpracht. Für Susi, die im historischen Gemäuer des bereits 1291 zum ersten Mal erwähnten Wirtshauses Mellauner Hof in Pettnau für das Wohl der Gäste sorgt, sind Dirndl und Tattoo stimmige Komponenten ihres Jobs: „Sonntags trage ich Leib, Rock, Bluse und Schürze gern im Service. Die Gäste freut’s und es passt zum historischen Ambiente“. Vermehrt nehmen sich Modeschöpfer des Themas an und auch online shoppt es sich lustvoll im „Dirndlhimmel“. Ob Edelweißmotive oder Kropfband (Halsband) - alles wird geboten. Trotzdem bleibt die feine Unterscheidung zwischen Dirndl und Tracht im Festtagsleben der Tiroler aufrecht. Bei Aufmärschen und Festzügen wird dank einer in den letzten Jahrzehnten einsetzenden Volkstracht-Erneuerungsbewegung strikt auf das Überlieferte aufgebaut. Der Landestrachten-verband bemüht sich in allen Regionen Tirols um lebendige Brauchtumspflege und organisiert unermüdlich Trachtennäh- und Volkstanzkurse.

 

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