Graukas, Glocken und Glücksgefühle

Graukas, Glocken und Glücksgefühle

Graukas, Glocken und Glücksgefühle

Graukas, Glocken und Glücksgefühle

„Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe“, „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd“ - geläufige Redewendungen zeigen den Sommer droben am Berg als harte, aber lustige Zeit. Tatsächlich ist die Alm sowohl eine traditionelle Wirtschaftsform, die lange Arbeitstage bedeutet, als auch ein Ort der zeitgemäßen Sommerfrische, der Auszeit vom Alltag und des Hochgefühls. ferienhoch fragt nach, was die Tiroler Almen zum Sehnsuchtsort macht und wandert auf die Pfaffenhofer Alm, um die Stimmung selbst einzufangen.

Wer hat nicht ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn er von sommerlichen Wanderungen träumt? Grasende Kühe und Schafe, im Kaurhythmus bimmelnde Kuhglocken, satte Almwiesen und hausgemachte Köstlichkeiten, aufgetischt von Menschen mit Ausstrahlung, die man irgendwie beneidet. Monatelang fernab des Trubels im Tal, wo gibt es das heute noch? Die Alm gehört zur Tiroler Identität: Für Wanderer und Biker ist sie ein sportliches und erholsames Ziel, für Senner und Hirten meistens eine „Berufung“, unabhängig davon stellt sie die typische Wirtschaftsform im Hochgebirge dar. In Tirol bieten über 200.000 ha Almweiden ausreichend Futter für Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen. Jährlich werden im Frühsommer an die 100.000 Rinder aufgetrieben, etwa die Hälfte des Tiroler Viehs darf noch auf eine der über 2.000 bewirtschafteten Almen!

Immer wieder oben
„Die Alm gibt es gar nicht, jede hat ihren eigenen Charakter,“ schwärmt eine, die es aus langjähriger Erfahrung weiß. Eva Lechner aus Rietz porträtiert für ihr Buch Tiroler Almen aus allen Regionen und rollt die Geschichte der Almwirtschaft von den Anfängen im 5. Jahrtausend v. Ch. bis zur Gegenwart auf. Dabei lernen wir, dass Alm nicht gleich Alm ist: Während sich auf einer Galtalm das Jung-und Galtvieh tummelt, weiden auf einer Melkalm die Milchkühe. Da diese natürlich regelmäßig gemolken werden müssen, hat eine Melkalm üblicherweise einen höheren Investitions- und Betreuungsbedarf. In Butterei und Käserei erzeugen die Senner jene Schmankerln, die hungrigen Wanderern besonders schmecken. Eva Lechner hat selbst so manchen Sommer auf der Alm verbracht und hütet in ihrem Zuhause liebevoll eine Herde aus Schafen, Ziegen, Esel und Alpakas. Von Kindheit an fasziniert von Bergen und Tieren, war sie bald nachhaltig vom „Almvirus“ erfasst. „Almdamisch“, sagen manche auch dazu, was so viel wie süchtig nach der Alm bedeutet. Jeder Almdamische trägt es mit Stolz und sehnt sich schon beim Almabtrieb im Herbst nach dem nächsten Sommer.

Alp-Traum und Realität
Doch das harmonische Bild ist brüchig, die Zukunft der Almen offen. Wenig überraschend hat die traditionelle Almwirtschaft einen schweren Stand in Zeiten der Milchquoten und unbedingten Rentabilität. In der Tiroler Bevölkerung ist der Stellenwert der Almen allerdings ungebrochen hoch und es gibt genug Gründe, die Alpung weiterhin zu betreiben. Der Sommer am Berg wirkt sich günstig auf die Tiere aus, sie sind fitter und gesünder als ihre Stallgenossen und bewahren noch dazu die Almwiesen vor der Verbuschung. Diese Form von Landschaftspflege beugt ganz natürlich Lawinen und Erosion vor und hält Äsungsbereiche für das Wild frei. Der Bauer hingegen ist erleichtert, den arbeitsintensiven Sommer „allein“ im Tal zu verbringen. Und nicht zuletzt spielt auch die touristische Anziehungskraft eine Rolle: Einheimische und Gäste sind gleichermaßen begeistert von den pittoresken Almen und ihren Naturprodukten. Jausenstationen bessern den schmalen Lohn der Senner auf und oft ist der Ausschank überhaupt die wichtigste Einnahmequelle der „Alminger“. Um von einer „bewirtschafteten“ Alm zu reden, ist allerdings nicht der Gastbetrieb, sondern die Viehhaltung das Kriterium.

Ein Idyll auf 1.694 m
Wir machen uns nun selbst auf den Weg nach oben und treffen auf der Pfaffenhofer Alm das Pächterehepaar Erika und Roman Erlacher. Sie hat es über Umwege hierher verschlagen: „Plötzlich mit 40 hab i den Ruf gespürt, auf die Alm zu gehn“, erklärt Roman schmunzelnd. Nach acht Sommern im Pitztal übernahmen die beiden im Jahr 2009 Hirtenstab und Kochlöffel in der urigen Alm, die im Gemeindebesitz ist. Der 9 km lange Fahrweg herauf von Pfaffenhofen gilt als herausfordernde Mountainbike-Strecke, darf aber mit dem Auto befahren werden und erlaubt so auch älteren Almliebhabern einen Panorama-blick. Als beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen und Gipfelbesteigungen lädt die Alm im Anschluss zur stärkenden Einkehr. Von Mitte Mai bis Anfang Oktober sind die mit liebevollen Details dekorierte Gaststube und die sonnige Terrasse durchgehend geöffnet, im Herbst wird an den Wochenenden getörggelet. An die 50 Galtrinder genießen die Sommerfrische unter Romans Obhut, eine Handvoll Milchkühe liefert den Rohstoff für Butter und verschiedene Käsesorten. Die Verarbeitung der Milch in der kleinen Käserei ist Sennerin Co. widerstehen? Roman und Erika sind sich einig: So ein Almsommer ist zwar anstrengend und die Einkünfte wetterabhängig, aber das Leben so nah am Himmel ist unvergleichlich schön. Und sie geben zum Abschluss den Tipp, dass sich dank heimeliger Stube und Fahrweg auch bei schlechtem Wetter ein Ausflug auf die Alm lohnt!

 

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