Im Kloster auf Abwegen

Im Kloster auf Abwegen

Im Kloster auf Abwegen

Im Kloster auf Abwegen

Im Kloster auf Abwegen

Das Stift Stams ist eine der meistbesuchten touristischen Attraktionen Tirols. ferienhoch hat an einer Führung der etwas anderen Art durch das Stift teilgenommen und Geschichtliches, Kurioses und Unbekanntes über die Gebäude und ihre geistlichen Bewohner erfahren. Kommen Sie mit auf einen Rundgang mit Bruder Pirmin, der charmant und kompetent durch Raum und Zeit des spirituellen Zentrums der Region geleitet - ab ins Kloster!

„Das ist der Zebrastreifen Gottes“, deutet Bruder Pirmin beim Empfang stolz auf die schwarz-weiße Kutte, die ihn erst seit wenigen Monaten kleidet und zum Zisterzienser-Mönch gehört wie das Amen im Gebet. Mit großen, schmiedeeisernen Schlüsseln in der Hand wird uns der jüngste Ordensbruder in den nächsten Stunden zwar nicht das Tor zum Himmelreich, aber knarrende Türen zu bekannten und weniger zugänglichen Plätzen im Stift öffnen. Los geht’s in der Basilika, die mit 85 Metern Länge nur geringfügig kürzer ist als die Santa Maria Maggiore in Rom. Im prunkvollen Innenraum dominiert der Barock, Deckenfresken und pompöse Stukkaturen ziehen in den Bann und lassen die romanischen Reste verblassen. Beim Eingang viel zu oft rechts liegen gelassen wird die Heilig-Blut-Kapelle hinter einem kunstvoll geschmiedeten Rosengitter. Dem Meisterwerk sind im Laufe der Zeit vier Rosen abhanden gekommen. „Sie sind verblüht, sagt man“, schmunzelt Bruder Pirmin über die offizielle Diktion, „ein freundlicher Ausdruck für geklaut“. Heute schmücken noch 80 Stück das kunstvolle Gitter, und in jeder stecken an die 120 Arbeitsstunden. Für die Anfertigung des gesamten Rosengitters hatte der Silber-Kunstschlosser Bernhard Bachnetzer (gest. 1753) sechs Jahre an Arbeit benötigt, ehe es 1716 eröffnet bzw. geschlossen werden konnte.

Knochen und Gold
Ein Stück weiter vorne blicken wir in die Gruft, die sich beinahe unter der gesamten Länge der Kirche erstreckt. 38 Landesfürsten waren hier begraben, bis kniehohes Wasser, das die wenig kirchennahen NSDAP-Truppen im Jahr 1939 ungestört in der Gruft wüten ließen, Fundament und Särge zerstörte. Stützmauern mussten eingezogen werden, die den heute begehbaren Bereich auf ein Minimum reduzieren. Ein einziger Sarg birgt noch die gesammelten adeligen Überreste und erinnert an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Lebensgroße geschnitzte und vergoldete Statuen in der Confessio-Anlage bewachen diesen Teil der Gruft und lassen historische Persönlichkeiten wie Graf Meinhard II, Herzog Friedrich mit der leeren Tasche und Sigismund den Münzreichen wieder „auferstehen“. Unser Auge fällt auch auf eine prominent drapierte Schatulle, in der die jüngste Errungenschaft des Klosters ruht: „Ein Knochensplitter aus dem Zeigefinger von Kaiser Karl“, erzählt Bruder Pirmin schnaufend, nachdem er das schwere Eisengitter wieder über die Stufen zur Gruft gezogen hat. Und lässt uns raten, wie viele Kilogramm Blattgold wohl in der gesamten Kirche verwendet wurden. Unsere Annahme von ein paar hundert Kilo hört er nicht zum ersten Mal. Aber nein: sechs Kilo sind es, die hauchdünn auf alle sichtbaren Flächen aufgetragen dem Raum ein schimmerndes Antlitz verleihen.

Der Nachwuchs und das liebe Geld
Ehrfürchtig treten wir durch das Chorgestühl vor zum weltberühmten barocken Hochaltar. Der 19 Meter aufragende, aus Lindenästen geschnitzte Lebensbaum wurde ursprünglich für das Gegenlicht durch die aufgehende Sonne konzipiert, doch die Erbauer konnten nicht ahnen, dass sich der Kunstgeschmack so rasch ändern würde. Schon hundert Jahre später rief der Barock nach einem Stuckvorhang hinter dem Baum und vergoldete die vorhin schlichten 84 Heiligenfiguren in den Ranken (die wiederkehrende Zahl 84 gilt übrigens als Anspielung auf das Weihejahr des Klosters 1284). Heute ist man froh um die stabile, stahlträgerverstärkte Gardine, sucht doch der von Holzwürmern geplagte Baum, das einzig noch erhaltene Meisterwerk seiner Art, gerne ein bisschen Anlehnung. Wir staunen, dass der Apfel in der ausgestreckten Hand der Eva-Figur sogar noch Adams Bissspuren aufweist. Bruder Pirmin deutet auf den Sündenfall mit dem Ausdruck von einem, der über den Zebrastreifen den Weg zu Gott bereits gefunden hat. Dabei ist er ein Spätberufener. Erst mit über 40 Jahren trat er ins Kloster ein und ist in Stams seit 20 Jahren der erste Novize, der jetzt auch „lebenslänglich“ will. In der Blütezeit zählte die Ordensgemeinschaft bis zu 60 Mönche, heute leben hier acht. Dem Kloster fehlt es offensichtlich an zwei Dingen: an Nachwuchs und an Barem. So ist etwa die große Orgel, die über dem Kirchenraum thront, schon lange stumm. „Für die Reparatur fehlt schlicht das Geld“, nennt Bruder Pirmin die Summe von ca. 400.000,- Euro, „da müssen wir noch ein bissi sparen“. Der Verkauf von Schnaps, Säften und Marmelade, hergestellt aus den gar nicht verbotenen Früchten des großen, klostereigenen Obstgartens, bringe das bei Weitem nicht ein.

„Beten und Bauarbeiten“
So könnte das Motto der emsigen Zisterzienser in Abwandlung des Grundsatzes „Ora et labora“ lauten, denn von klösterlicher Ruhe ist weit und breit nichts zu hören. „Ich kenne das Kloster seit 30 Jahren und es steht immer irgendwo ein Kran“, zuckt Bruder Pirmin geduldig mit den Schultern. Zur Zeit des Besuchs von ferienhoch wurde gerade rings um den gesamten Gebäudekomplex aufgegraben und insgesamt 5 km Rohre verlegt, um das vom Dach schießende Regenwasser abzuleiten. Auch die 20.000 qm große Dachfläche, der Wind und Wasser ordentlich zusetzen, wird gerade res tauriert. Wir treten in den Innenhof zum modernen Brunnen. Warum steht das Stift überhaupt in Stams? Bruder Pirmin weiß auch das. Weil so ein Kloster ein Ding von Gewicht sei, brauche es ein hartes Fundament und der feste Untergrund in Stams habe bei der Bauplatzsuche die weichen Böden des Mieminger Plateaus locker ausgestochen. Trotzdem schauen die Ordensbrüder heute zwischen Mitte November und Mitte Jänner manchmal sehnsuchtsvoll auf die andere, helle Talseite. Berühren dann nach wochenlangem Schattendasein in Stams die ersten Sonnenstrahlen die Turmspitzen, dann gibt’s für die Mönche zur Feier des Tages ein Glas Wein zum Essen - fiat lux!

Hide-Away vor der Welt
Weiter geht die Führung zu den zwei „Geheimräumen“ des Klosters. Der eine versteckt sich unter einer Stiege, ist zugänglich (für die, die wissen wo) über die Sakristei und diente im Zweiten Weltkrieg auch als Unterschlupf für verfolgte Juden. In den Carcer, ein enger, stockdunkler Treppenansatz unter einer Klappe im Holzboden, wurden einst Mönche vom Abt verbannt, um beim „Mea culpa“ über ihre Sünden zu sinnieren. Wer heute ganz offiziell mal ins „Kloster auf Zeit“ verschwinden und seine Spiritualität erforschen möchte, bekommt natürlich ein eigenes Zimmer. Wir treten in den Bernardisaal, der den gesamten Gebäudekomplex in einen Fürstentrakt und den klösterlichen Bereich teilt. Der prunkvolle Raum hält ein architektonisches Wunder bereit: Bruder Pirmin erzählt mit Blick nach oben, dass der Balkon einst ohne jegliche Statikerbefragung aus dem Dachgebälk geschnitten wurde, um die Musiker hinauf und aus dem Blickfeld der feiernden Fürsten zu verbannen. „Der Raum hat wohl nur aus Gewohnheit zusammengehalten“, ortet er verschmitzt eine Ursache weltlicher Natur. Dass den Fürsten die ganze Konstruktion (oder besser Destruktion?) fast auf den Kopf gefallen wäre, ist heute Geschichte - sicher abgestützt finden im Saal immer noch Konzerte und Feiern statt.

Der Turmbau zu Stams
Unsere Schritte hallen durch die langen Gänge, die von Türen in regelmäßigen Abständen flankiert sind. Dann geht es hinauf zum genau 100 Meter langen Dachboden. Wir sehen Gebälk, in dem Historie nistet und der Atem der Jahrhunderte zur Ruhe kommt. Ein bisschen vermodert hier, zerbröckelt da, gestützt und am Leben erhalten von neuen, hellen Balken und den Bemühungen des Ordens, des Landes Tirol und diverser Stiftungen. Die Restaurierung verschlingt jährlich Unsummen und ist ein unersättlicher Moloch. Bruder Pirmin steuert dem Höhepunkt zu und lässt uns Schwindelfreie übers Dach in einen der zwei Türme klettern. Die Zwiebeltürme des Stifts, die das Signal der Geistlichkeit weit talauf- und abwärts senden, gibt es nur aufgrund findiger Auslegung der Klosterordnung, erfahren wir. Diese untersagte den Bau von imposanten Kirchtürmen, die Fürsten ließen sie aber Mitte des 17. Jahrhunderts flugs auf ihrer Seite des Traktes hinstellen. Über dem klösterlichen Trakt selbst späht heute noch nur ein kleiner Dachreiter über den Giebel. Ganz oben im Turm riecht es modrig, das Licht dringt gedämpft durch die Spalten der waagrechten Fensterlatten. Wem der runde Raum einmal als Aufenthaltsort gedient hat, wissen die Legenden und Gerüchte. Graf Meinhards Schreibstube? Kaiser Max’ Jagdstüberl? Seit langem jedenfalls starren hier nur dunkel verwitterte Gallionsfiguren aus aller Herren Länder, die Meinhard vom Bug der Handelsschiffe um Venedig „gekapert“ hat, von schräg oben ins Leere und halten wohl stummen Dialog über das Rauschen der Zeit.

 

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