Leise Töne für die Seel’

Leise Töne für die Seel’

Leise Töne für die Seel’

Mit „Steirischer“ und „Raffele“ spielen sie auf, dass es eine Freude ist. Die Gesichter der Volksmusikanten zeigen jenen Ausdruck entrückter Konzentration und Erfüllung, dass kein Zweifel besteht: Hier wird ein lebendiger Brauch gepflegt! Regelmäßige Veranstaltungen wie Volksmusikstammtisch und Offenes Singen laden ein, einer feinen Tradition Gehör zu schenken.

Der Volksmusikstammtisch findet mit wechselnden Treffpunkten in der Region einmal im Monat statt und verspricht vielfältige Musik aus alpenländischem Repertoire. Wir nehmen heute in der gemütlichen Stube der Mieminger „Moosalm“ Platz und sind gespannt auf den Abend. Ohne Show wird er verlaufen, aber gerade deswegen hinterlässt er Eindruck. Die MusikantInnen, teils in Dirndl und Tracht gekleidet, trudeln langsam ein und lassen sich zunächst zur Stärkung nieder. „Essen und Trinken halten Leib und Seele z’samm“, weiß auch der Leiter des Stammtisches, Manfred Wörnle. „Und d’ Musi ist dann zuständig für die Seel’!“ Also bestellen wir beim Wirt, um dem Leib seinen Teil zu gönnen, und wenden uns wieder dem gestandenen Mann in Lederhosen zu. Manfred Wörnle ist ein Urgestein der Volksmusik und bringt uns ihre Besonderheiten gerne näher.

Musik für alle Lebenslagen
Früher begleiteten Lieder und Melodien ganz selbstverständlich den Menschen durch den Jahres- und Lebenslauf, bis heute ist die Tiroler Volkskultur noch stark von der bäuerlichen Bevölkerung geprägt. Almlieder besingen die Freiheit, die das Almpersonal trotz harter Arbeit verspürte, Liebeslieder lassen metaphernreich große Sehnsucht erahnen. Die im Dialekt gehaltenen Texte sind dabei voller Poesie und Emotionen wie Vorfreude oder Wehmut.
Heute müssen sich die traditionellen Lieder und Musikstücke jedoch gegen harte Konkurrenz beweisen und geraten leicht in Vergessenheit. Deshalb bemühen sich engagierte Einzelpersonen und Institutionen wie der 1966 gegründete Tiroler Volksmusikverein um ihre Erhaltung. Neben Bewahrung und Pflege ist die Sicherung der Zukunft des traditionellen Liedguts oberstes Ziel, denn mit dem Brauchtum würde verloren gehen, was Tirol und seine Bevölkerung zu einem guten Teil ausmacht.
Die Möglichkeiten der Pflege sind vielfältig und es gilt, sich auf Altes zu berufen, um Neues zu schaffen. Manfred Wörnle erzählt von der weit über 1000 Lieder umfassenden Sammlung eines Franz Friedrich Kohl, „Echte Tiroler Lieder“ (1899) und schwärmt von der Beständigkeit des Liedgutes. Auch heute noch - man muss sich nur ein bisschen Mühe machen und vielleicht die Bedeutung eines alten Wortes nachforschen - kann man diese Lieder in ihrer ursprünglichen Form singen und tritt dadurch in eine besondere Verbindung zu den Vorfahren. Traditionell im Schoße der Familie gepflegt und weitergegeben, findet heute die Ausbildung auch in den Musikschulen statt.

„Die meisten Nachahmer lockt das Unnachahmliche“
zitiert Wörnle Marie von Ebner-Eschenbach und meint die kommerzielle Ausbeutung und Mutation der traditionellen Musik. Das habe mit echter Volksmusik nichts mehr zu tun, deren Rahmen bekanntlich intim und unprätentiös ist. „I bin lei froh, dass i nit so viele Leit unterhaltn muaß“, plädiert er dafür, die Kirche im Dorf zu lassen. Und das alpenländische Liedgut passe nun einmal besonders gut in die Region. Die Zusammenarbeit mit der Musikschule Region Telfs sorgt für hohes Niveau, denn eines ist die Volksmusik entge- gen mancher Vorurteile nicht: einfach zu spielen. Den richtigen Ton zu treffen, ist hier ebenso schwer wie bei anderen Stilrichtungen.
In der Moosalm werden unterdessen neben der Harfe noch Gitarre, Ziehharmonika, Zither und sogar ein „Raffele“ herbeigetragen. All diese Instrumente kommen traditionell in der alpenländischen Volksmusik vor und fordern ihre Spieler zeitlebens heraus. „Griaß enk beinand“, wendet sich Manfred Wörnle mitten im Gespräch mit »ferienhoch.at« an neu hinzustoßende Gäste. Gerade hatte er angesetzt, über die Geselligkeit der Volksmusik zu erzählen, aber seine Geste macht alle Worte entbehrlich. „Ja, griaß enk“, tönt es durch die Stube, die Instrumente werden sorgfältig ausgepackt und gestimmt. „Es ist halt a hoamliche, g’miatliche Sach’“, nimmt Wörnle den Faden wieder auf und schwärmt vom harmonischen Zusammenspiel zwischen Alt und Jung.

Idylle ganz real
Triebfeder für das Musizieren ist für alle stets die Freude an der Musik, nicht die Unterhaltung des großen Publikums. „Wenn ma da auf einer Alm sitzt und die Sonne geht langsam unter, und ma spielt die Musi - des isch a tolles Erlebnis“, streicht Wörnle fast wehmütig über seinen Schnurrbart. Die Musik entfalte sich eben in ihrer ureigenen Umgebung am besten, wenn im kleinen Kreise um des Musizierens willen gesungen und gespielt wird. „Und dann kommen sogar die Küh’ her, legn sich hin und hören zu. Manchmal glaubt ma fast, dass die Rindviecher gscheiter sind als manche Leit“, schickt er schmunzelnd hinterher. Das Bild eines Sonnenuntergangs über satten Almwiesen, untermalt von jahrhundertalten Klängen, taucht vor unserem inneren Auge auf und wird nicht wieder verschwinden. Wir nehmen uns vor: Da wollen wir einmal dabei sein! Gelegenheiten dazu gibt es immer wieder, der Online-Terminkalender des Tiroler Volksmusikvereines liefert Tipps, wo Volksmusik echt und unmittelbar erlebt werden kann.

Singen und „zualosnen“...
Auch das Offene Singen in Flaurling bietet regelmäßig die Chance auf akustische Gustostückerln entsprechend der Jahreszeit. Einmal im Monat lädt der seit 1992 amtierende Obmann des Tiroler Volksmusikvereins, Prof. Peter Reitmeir aus Telfs, zum gemütlichen Treffen, Zuhören und Mitsingen im Traditionsgasthaus „Goldener Adler“ vulgo „Ladner“ in Flaurling. „Die Idee dahinter ist, dass volksmusikbegeisterte Menschen zwanglos und ohne Anspruch auf Perfektion miteinander singen. Im Vordergrund steht das alpenländische Volkslied, zwischendurch begleiten wir uns auch selbst auf verschiedenen Instrumenten“, erklärt Peter Reitmeir. Diese Veranstaltungsreihe soll ein Beitrag dazu sein, das Singen im kleinen Kreise wieder mehr zu fördern: „Früher ist man abends zusammen gesessen und hat gesungen, heute trifft man sich vor dem Fernseher“, bemerkt Reitmeir genauso kultur- wie selbstkritisch. Musizieren und Singen sei aber eine so wertvolle Bereicherung: „Es steigert die Lebensqualität unvergleichlich, außerdem ist das heimische Liedgut ein Teil unserer Identität, die es zu wahren gilt.“ Einheimische und Gäste sind immer herzlich willkommen. Das Offene Singen findet jeden ersten Mittwoch im Monat (außer August und September) ab 20 Uhr statt.

... besonders zur Weihnachtszeit
Das Singen von einfachen Volksliedern erlebt einen merkbaren Aufschwung, der sich auch im Brauch des Adventsingens zeigt. So gibt sich in den letzten Jahrzehnten die Tiroler Volksmusikszene zur Adventzeit besonders aktiv. Volksmusikgruppen und Chöre treffen in besinnlichem Rahmen zusammen und musizieren, zusätzlich spiegeln oft Mundartgedichte und Hirtenspiele das Thema Advent wider. Entsprechende Termine finden Sie nebenstehend und online im Terminkalender des Tiroler Volksmusikvereines.

Tradition mit Brücke in die Zukunft
In der Moosalm weicht nun das Plaudern endgültig der Musik. Der Reihe nach werden die Instrumente eingesetzt, dazwischen ertönt der eine oder andere G’sang.
Besonders die Jugend liegt den älteren Semestern unter den Volksmusikanten offensichtlich am Herzen, und als Manfred Wörnles jüngster Schüler zur Ziehharmonika greift, hört er ganz genau hin. Ein bisschen Rührung sieht man ihm an, als der kaum sein Instrument überragende Siebenjährige im Duett mit seinem Vater einen flotten „Boarischen“ hinlegt. Mit solchen Schülern muss man sich um die Zukunft der Volksmusik keine Sorgen machen!

 

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