Unter allen Wipfeln ist Ruh

Unter allen Wipfeln ist Ruh

Unter allen Wipfeln ist Ruh

Wir gehen darin spazieren, laufen, mountainbiken, machen Picknicks und folgen Themenwegen - der Erholungsraum Wald ist in Tirol immer nur ein paar Schritte entfernt. »ferienhoch.at« erkundet mit allen Sinnen verschiedene Erscheinungsformen in der Region und kommt ganz nebenbei dem „Mythos Wald“ ein Stückchen näher.

Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten…“, spricht Henry David Thoreau bis heute Zivilisationsflüchtlingen aus der Seele. Auf übersättigte Menschen wirkt das Walderlebnis wie eine Therapie, die vor allem Freiheit verspricht und heute der Freizeit entspricht. Diese Sehnsucht trat im 19. Jahrhundert besonders stark zum Vorschein, als die Romantiker den Wald als ideales Refugium vor dem Trubel der Welt entdeckten. „Waldeinsamkeit“ nannten sie das und erweckten alte Mythen von bösen Hexen und guten Feen wieder zum Leben. Aber keine Sorge, es ist nicht nötig, für ein intensiveres Lebensgefühl in den Wald zu ziehen. Auch etappenweise sich darin zu verlieren, hat seinen Reiz! Unsere Erkundungsgänge umfassen neben dem Silzer Pirchet die dortigen Innauen und den Stamser Eichenwald. Jeder Ort für sich ist ein Naturjuwel und kann individuell erkundet werden.

Wie still dieser Wald! Wie schön in seinem Schweigen!“ (L. Ganghofer)
Der Wald ist für viele Einheimische und Tiroler Gäste vor allem ein Erholungsraum. Zu „holen“ gibt es tatsächlich vieles, Entspannung und ein Erwachen der Sinne gehören auf jeden Fall dazu. Langsam streift das Auge über Grüntöne jeder Art und bekommt einen Blick für Details. Tief atmen wir die Waldluft ein, diese Duftmischung aus Erde, Moos und ätherischen Buketts des Nadelwaldes.
Still, aber nicht lautlos ist es im Wald. Da singen und rufen Vögel, unter unseren behutsamer werdenden Schritten knacken dünne Ästchen und in den Wipfeln raschelt ein leichter Wind. Wir „begreifen“ den Wald, lassen die Hand an rauen Rinden entlangstreifen… Ja, und nicht zuletzt schmecken kann man den Wald! Zur richtigen Jahreszeit bietet er ein buntes Angebot an Beeren und Pilzen, die zu kulinarischen Köstlichkeiten verarbeitet werden können. Die verlockend roten Walderdbeeren jedoch wandern sofort in den Mund der Kinder, hmmm!

Eine schützenswerte Schatzkiste
Über allem darf man nicht vergessen, dass es sich beim Erholungsraum Wald um ein sensibles Ökosystem handelt, über das Institutionen und Beauftragte nicht umsonst ihre schützende Hand halten. „Der Pirchet ist einer der letzten Talwälder Tirols“, erklärt uns Andreas Danzl eine der Besonderheiten des Rotföhrenwaldes westlich von Silz. Als Ornithologe und Schutzgebietsbetreuer kennt er hier jede Pflanze und vor allem jede Vogelart. „Das ist ein Kleiber“, „Da ruft die Tannenmeise mit ihrem typischen zewizewizewi“, deutet er abwechselnd in die Wipfel.
Durch seine professionelle Begleitung erhalten plötzlich alle Laute eine Bedeutung, jedes Flattern einen Namen. Auch die Pflanzen am Wegrand benennt er uns, hier die Besenheide, da ein gewöhnlicher Schneeball. „Eine Schwanzmeise! Sehr nett“, landet der junge Biologe jedoch bald wieder bei seinem Spezialgebiet, den Singvögeln. Der geschützte Rotföhrenkomplex des Pirchet bietet den kleinen Piepmatzen optimale Lebensbedingungen, und ein knapp vor uns über den Weg huschendes Eichhörnchen scheint das Gedeihen von Flora und Fauna zu bezeugen. Neben der Nutzung als Erholungsraum - eine ausgeschilderte Forstmeile bietet sich für einen Rundgang an - erfüllt der Talwald noch eine weitere Funktion: Er bremst den Wind, der oft zwischen den Berghängen hindurchpfeift.
Nur ein kurzer Weg ist es bis zum nächsten Schutzgebiet, den Silzer Innauen. Hinter dem Recyclinghof führt eine schmale Unterführung in das unberührte Augebiet. Hier fühlen sich Weiden und Grauerlen pudelwohl im feuchten Boden. Abhängig vom Wasserstand des Inns können drei kleine, von Seitenärmen umspülte Inseln beobachtet werden. Wir begnügen uns mit dem Blick, denn keine Wege führen durch das Dickicht. Jede weitere Erkundung ohne Gummistiefel wäre ein gewagtes Unterfangen. Hier darf die Natur noch den Ton angeben und das spüren wir. „Ein Mäusebussard“, übersetzt Andreas Danzl für uns, und „Flussregenpfeifer!“. Feuchte Luft steigt vom Fluss auf und hüllt die Au in einen dunstigen Mantel. Schön ist es.

„Eine Welt ist jeder von euch“
Doch nicht genug an zauberhaften Plätzen. Ein weiterer besonderer Wald wartet auf uns, nur wenige Kilometer entfernt. Nach Föhre und Weide lädt nun die stolze Eiche zum Verweilen in ihrem Schatten ein. Groß, erhaben und freundlich muten die alten Eichenbäume in Stams an, als hätten sie viele Geschichten zu erzählen. Jeder Eichbaum sei eine Welt, dichtete schon Hölderlin:
„Und ihr drängt euch fröhlich und frei,
aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift,
wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum,
und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß
die sonnige Krone gerichtet“

Unter solchen Kronen gerät man wahrlich in literarische Stimmung! Egal ob man der Mystik der Eichen nachsinnt oder sich eher für die Biologie interessiert, jede und jeder wird im Stamser Eichenwald ein Plätzchen finden. Während die einen am Bächlein über die „Waldeinsamkeit“ sinnieren, führt ein Waldlehrpfad die anderen durch Pflanzen- und Tierwelt des Gebiets. Der über 400 Jahre alte Baumbestand steht Zeuge für die jedes Mal aufs Neue wundersame Metamorphose des Lebens. Wir sind beeindruckt von der Vielfalt der Wälder auf so kleinem Raum, und dabei haben wir noch lange nicht alles gesehen! Der nächste Spaziergang zum einzigartigen Lärchenwald am Mieminger Plateau ist bereits ins Auge gefasst, bevor wir - die Lunge voll frischer Luft, den Kopf frei von Sorgen - aus dem Wald heraustreten.

 

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