Scheller und Schleicher schlafen nie

Scheller und Schleicher schlafen nie

Scheller und Schleicher schlafen nie

Scheller und Schleicher schlafen nie

Wenn das ganze Dorf auf den Beinen ist, Leute von nah und fern zusammendrängen und gebannt einen Zug bunten Treibens verfolgen, ist es wieder so weit: Fasnachtszeit in Tirol! 2010 erfüllt eine quicklebendige Tradition Telfs und Nassereith wieder gleichermaßen mit Stolz und Ausgelassenheit. Aber wer mitfeiern will, hat nicht nur alle drei oder fünf Jahre die Gelegenheit dazu. Zwei Fasnachtsmuseen zeichnen ein Stimmungsbild als Einladung zum Selbstentdecken!

Rauch liegt in der Luft. Der Atemhauch von Tausenden gespannten Zusehern bildet ein Spalier für den heiß erwarteten Umzug. Jetzt! Trommeln wirbeln, Peitschen schlagen, Schellen klingen, Glöckchen singen, allerorten helles Juchzen oder verhextes Krächzen - die Geräuschkulisse einer Tiroler Fasnacht ist unverwechselbar! Angesichts der exotischen Figuren, akrobatischen Einlagen und kunstvollen Kostüme geht ein Raunen durch das Publikum. Eine Mischung aus Kennerblicken und fragenden Mienen von „Uneingeweihten“ verfolgt das Spektakel, aber egal ob volkskundlich versiert oder von ästhetischer Neugier getrieben, das mythische Treiben der Fasnacht gibt jeder und jedem ein Rätsel auf. Gruppe um Gruppe, Figur um Figur ziehen vorbei, Ablauf und Bewegungen werden seit jeher achtsam bewahrt. Viele Szenen signalisieren die enge Verbundenheit zwischen Lachen und Weinen, Winter und Frühling, letztlich auch zwischen Leben und Tod. Die Möglichkeit, alle paar Jahre einmal der Obrigkeit stellvertretend für die BürgerInnen ungestraft alles ins Gesicht sagen zu dürfen, was auf der Volksseele brennt, trägt sicher auch zur Begeisterung der Dorfbewohner für die Fasnacht bei. Sie setzen sich Masken auf, beschwören alte christliche und heidnische Mythen, spielen mit Symbolen und feiern, zusammen mit dem zahlreichen Publikum, doch vor allem das Hier und Jetzt.

„Auf! Auf! Juchei! Wir leben das Leben! Die Fasnacht ist frei!“ (Prolog der Herolde, Telfs)
Das Telfer Schleicherlaufen und das Nassereither Schellerlaufen, jeweils benannt nach den Protagonisten des Umzuges, sind die größten Fasnachtsveranstaltungen in den Regionen tirolmitte und Mieminger Plateau. Bevor die Telfer alle fünf und die Nassereither alle drei Jahre in die ersehnte Fasnacht gehen können, sind unzählige Arbeitsstunden nötig. Hier dürfen auch die traditionell vom Umzug ausgeschlossenen Frauen fest mit anpacken: Kostüme wollen genäht, Hüte und Gürtel gebastelt, Ganzkörperanzüge aus mühselig gesammeltem Baumbart geflochten werden. Die gemeinsamen Vorbereitungen fördern den Zusammenhalt im Dorf und stiften Identität in einer Zeit, in der Traditionen leicht in Vergessenheit geraten. Wer die Aufbruchstimmung vor der Faschingszeit einmal am eigenen Leib erlebt hat, erahnt die Bedeutung des generationen- und standesübergreifenden Brauches. Jeder Ort hat dabei seine unverwechselbaren Figuren und Interpretationen, eine alte Rivalität zwischen den Dörfern hat die Bemühungen um den schönsten Umzug sicherlich ver- stärkt, weicht heute aber gegenseitiger Wertschätzung.

„Die Fasnacht keart is Dorf und wer se seche will soll kemme.“ (Nassereith)
(Die Fasnacht gehört in das Dorf und wer sie sehen will, soll kommen)
Was tun aber, wenn Urlaubsplanung und Fasnachtsumzug Jahr um Jahr nicht zusammenfallen wollen? Muss man auf die farbenprächtige Atmosphäre und das Schellengeläut verzichten? Keineswegs, stehen doch den neugierig gewordenen Gästen zwei feine Museen zur Verfügung, um unabhängig von Jahr(eszeit) Einblicke in das karnevaleske Treiben zu gewinnen. Das im Jahre 2000 umgebaute und jetzt aktualisierte Fasnachts- und Heimatmuseum im Telfer „Noaflhaus“ bietet neben Originalkostümen und -gegenständen auch einen intermedialen Zugang zum Thema. Filmausschnitte lassen den Umzug nicht nur vor dem inneren Auge lebendig werden, Fototapeten aus alten Zeiten vermitteln das Flair von lebendiger Vergangenheit. Die Erläuterungen der Volkskundlerin und Museumsbetreuerin Anne Potocnik-Paulitsch tragen das Ihrige dazu bei, die „Ausnahmezeit Fasnacht“ begreifbar zu machen. Alle Gruppen der Telfer Fasnacht finden der Reihenfolge ihres Auftretens nach Eingang ins liebevoll gestaltete Museum, das die Verschmelzung zwischen Kultur und Natur besonders hervorstreicht: Geht es bei dem Brauch doch auch um die Austreibung des Winters und um die Sehnsucht nach Ursprünglichem, vielleicht sogar nach dem verlorenen Paradies. Furchteinflößende, aber harmlose Zeugen dieser Symbiose aus Natur und Menschenwerk sind die „Wilden“, in deren Anzug aus zottigem Grün der Mythos Wald eingeflochten wird. Aus holzigen Gesichtern spähend, flankieren sie den zum Tschinellenschlag ansetzenden Panzenaff’, der uns die Zunge herausstreckt und sich über uns lustig zu machen scheint. Wer beim Umzug in die Rolle des Panzenaffs schlüpfen möchte, darf nicht eitel sein und muss sinngemäß die Zähne zusammenbeißen, denn genau diese werden ihm vor der Fasnacht zwecks größerer Zungenfreiheit aus dem Unterkiefer gezogen. Uns schüttelt’s bei der Vorstellung, aber die Tatsache, dass die Ausbeute an einer Silberkette um den Hals des Bürgermeisters aufgefädelt beim Umzug mitgetragen wird, sorgt bereits wieder für ein Schmunzeln.
Wenige Meter weiter verharren wir staunend vor dem filigranen Laternenträger im angedeuteten Tänzelschritt. Im Harlekinskleid schwingt er seine überdimensionale Laterne und agiert bereits als Vorbote und Wegbereiter der Schleicher, deren Auftreten den Höhepunkt der Telfer Fasnacht bedeutet. Auch den berühmten Schleichertanz holt uns das Museum mittels Kurzfilm in die Gegenwart, „Tschalung“ klingen die Schellen der etwa 40 Schleicher im Gleichtakt. Unser Blick schwankt dabei fasziniert zwischen Einspielung und der Figur mit der geheimnisvollen Drahtmaske und dem fantasievollen Hut. Jeder einzelne ist ein Kunstwerk und ganzer Stolz des Trägers. Der älteste Schleicherhut des Museums stammt von 1895 und ist immer noch in Familienbesitz! Alle Figurinen sind hier spürbar mehr als bloß Ausstellungsobjekte. Fast meint man, sie würden am liebsten auf die Straße hüpfen und vorzeitig die Fasnacht ausrufen...

„Der Sinn der Fasnacht isch überall gleich, aber die Kostüme und Figurn sein ganz anders“
erklärt Ludwig Thurner vom 2008 renovierten Fasnachtsmuseum in Nassereith. Er führt charmant durch die mit Schellen, Rollen und Larven vollgehängten Ausstellungsräume. Die Nassereither Fasnacht ist vor allem für ihre kunstvoll geschnitzten Holzmasken von Franz Josef Kranewitter (1893-1974) berühmt und die „Lappl“-Larve tragen zu dürfen, ist eine Ehre. Heute entstehen die meisten der aus einem Stück Zirbenholz gefertigten Gesichter unter dem flinken Schnitzmesser von Irene Krismer. Jede der bis zu 150 Jahre alten Masken hat eine eigene Mimik, manche lachen heiter, andere schneiden spöttisch Grimassen, wieder anderen stehen Trauer und Wehklagen in die Gesichtszüge geschrieben. Wir als eigentliche Beobachter fühlen uns hier aus vielen Augenpaaren beobachtet. Ergriffen von der Handwerkskunst sowie der körperlichen Konstitution der Fasnachtler, die die bis zu 35 kg schweren Schellen einen Tag lang durchs Dorf tragen, lassen wir uns weiterführen. Auch in diesem Museum setzt man neben der Ausstellung von Originalstücken auf den Einsatz von Filmmaterial, um den Besuchern den Live-Charakter des Umzuges zu vermitteln. Und das gelingt! Man findet sich mitten im Geschehen wieder, wendet den Kopf in alle Richtungen, Kinder streicheln den zottigen schwarzen Bären, der jedes Mal erneut den Kampf mit dem Winter aufnimmt. Am Ende siegt traditionell der Frühling, doch das Rad der Zeit muss sich weiterdrehen, „es muaß ja a amal wieder an Winter gebn“, schmunzelt Ludwig Thurner. Keine der teilnehmenden Figuren fehlt: Hexen, Ruaßler, Spritzer, Sackner, Schnöller, Karner und viele mehr - alle, die durch die Nassereither Straßen tanzen, sind auch im Museum detailliert nachgebaut und überlebensgroß zu bewundern. Beeindruckt von Figurinen und Filmausschnitten kommt der Besucher wirklich sehr nahe an das heran, was die Fasnacht ausmacht, im Grunde aber unbeschreiblich bleibt. Zusammengehörigkeitgefühl, Ausgelassenheit. Exotik. Mythen. Ein archaisches Gefühl der Lebendigkeit vielleicht. Und tritt man aus den Museen wieder hinaus auf die Straße, vermeint man die Litanei der Trauernden zu vernehmen, die am Faschingsdienstag mit herzzerreißendem Schluchzen das Ende der Fasnacht beklagen. In Telfs wird mit dem „Naz“ das Fasnachtssymbol wieder eingegraben, in Nassereith versprechen sich untröstliche Fasnachtler bereits: „Mir söche ins wieder.“ (Wir sehen uns wieder.)

 

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