Alle Wege führen nach ... Santiago

Alle Wege führen nach ... Santiago

Alle Wege führen nach ... Santiago

Nein, alle Wege führen nicht ins spanische Santiago de Compostela. Aber viele. Einer geht auch durch Tirol. Eine kulturelle Gebrauchsanweisung für Pilger mit Rucksack, Muschel und Stab auf dem Jakobsweg zwischen Inzing und Silz.

Vor dem Dom zu St. Jakob in Innsbruck hat die Pilgerreise von Monika Hitsch vor sieben Jahren begonnen. Jeden Sommer kommt sie ihrem Ziel, dem Grab des Apostels Jakobus im Norden Spaniens, schrittweise näher. Eine Woche im Jahr verbringt Hitsch gehend, um das Vergangene zu überdenken und neuen Gedanken für die Zukunft Raum zu schaffen. 180.000 Pilger waren im heiligen Jahr 2004 unterwegs und dabei nicht nur auf dem Weg zum fernen Ziel Santiago, sondern auch zu sich selbst.

Zeugen der Pilgertradition

Rund 2000 Kilometer sind es von Innsbruck nach Santiago. Steinerne Zeugen, Kunstwerke, schriftliche Dokumente, Patrozinien, Wappen und Ortsnamen zeugen auch in Tirol von der Tradition des Pilgerns, die auf das Mittelalter zurückgeht. Südlich von Obsaurs im Tiroler Oberland steht die Kirche des heiligen Vigil. Sie zeigt die Jakobsmuschel vor gekreuzten Pilgerstäben. Der Tiroler Peter Lindenthal hat die Pfade durch Österreich dem Vergessen entrissen. Er weiß auch viel über die 30 Kilometer lange Jakobsweg-Etappe, die durch die Urlaubsregion tirolmitte von Inzing nach Silz führt, zu erzählen.

Rare Fresken

Auf der gegenüberliegenden Talseite von Hatting schmücken rare Fresken von Jakobs­pilgern die Außenwand der spätgotischen St.-Georgs-Kirche in Leiblfing. „Das ist ein Hinweis darauf, dass die Pilger auch die nord-, also sonnseitig verlaufende Römerstraße »Via Decia« benutzten, so Lindenthal. Vor allem waren sie jedoch auf der alten Salzstraße von Inzing über Hatting nach Flaurling unterwegs. Wer die Bundesstraße entlang geht, kann bei Silz noch heute seinen Durst an einem Jakobsbrunnen stillen.

Stams als wichtigster Etappenort

Das Zentrum der Region und der wichtigste Etappenort für Pilger im Inntal war jedoch das Stift Stams. Die monumentale barocke Anlage des Zisterzienserstiftes, die »Wiege Tirols«, wurde von Meinhard II. 1273 als Begräbnisstätte der Tiroler Landesfürsten gegründet. In der Stiftskirche ist der Apostel Jakobus in zwei Seitenaltären abgebildet. Auch die Wallfahrtskirche Locherboden, obwohl erst im 19. Jahrhundert gebaut, wurde in den Jakobsweg integriert. Der Ort begleitet viele Tiroler auf wichtigen Etappen ihres Lebens. Hier bekam die weiße Strumpfhose bei der Erstkommunion grüne Flecken, weil das Kind lieber im Wald herumtollte. „Wenn du die Matura schaffst, gehe ich nach Locherboden wallfahrten“, schickte die Mutter ein Stoßgebet zum Himmel.

Begeistert von Land und Leuten

Der kulturelle Reichtum, die Schönheit Tirols und die Freundlichkeit der Menschen wurde Monika Hitsch auf ihrer Pilgerreise erst richtig bewusst. »Nimm mich mit nach Santiago« – diesen Satz gab ihr ein Bauer mit auf den Weg, nachdem er ihr Obst angeboten und ein Schnapserl kredenzt hatte. Pünktlich zur Pension wird die 58-Jährige Santiago erreichen. Dann wandert sie nach Finisterre (Ende der Welt) weiter. Dort, wo die Jakobsmuscheln stranden, die die Pilger auf ihrer Reise begleiten. Am Endpunkt wird sie dennoch nicht sein, denn der Weg zu sich selbst hört bekanntlich nie auf…

Pilgern in Zahlen

Allein in Tirol werden pro Jahr 600 Pilgerpässe ausgestellt. Wie viele den Weg durch das Inntal nehmen, lässt sich nicht genau sagen. Zusätzlich bietet ein holländischer Reiseunternehmer eine einwöchige Pilgerreise von Kufstein nach Innsbruck an. Das Reiseunternehmen konnte bereits fast 500 Buchungen registrieren. Tipp: Es besteht die Möglichkeit, bei einer geführten Pilgerwanderung von Innsbruck bis St. Christoph am Arlberg teilzunehmen. Aktuelle Termine unter www.jakobsweg-tirol.net.

Jakobsmuschel

Auf ihrer Reise nach Santiago führen die Pilger eine Muschel mit sich, die den Fingern einer Hand gleicht und die sie an ihre Rucksäcke hängen. Diese Muschel soll die guten Taten der Pilger symbolisieren. Die beiden Schilde der Jakobsmuschel stellen die Vorschriften der Nächstenliebe dar. Das bedeutet, dass der Pilger seinen Nächsten wie sich selbst, aber Gott über alles lieben soll.

Herberge für Pilger

In Tirol gibt es nicht besonders viele Pilgerherbergen. Viele Pfarreien bieten jedoch bereitwillig Unterschlupf. Schlafen kostet nichts, eine freiwillige Spende um die 8,- bis 10,- Euro wird meist gegeben. Vor zwei Jahren wurde die Pilgerherberge im Pfarrhaus Inzing eröffnet. Am Eingang lädt der Spruch: »Die Tür steht offen, das Herz noch viel mehr« die Reisenden zum Verweilen ein. Pfarrer Andreas Tausch stellt zwei Stockbetten samt Badezimmer und Küche zur Verfügung. Und das Beste: Der Geistliche bekocht die Pilger oft selbst. Zwischen zehn und zwölf Pilger kommen im Monat. Viele schöne Erinnerungen an gemeinsame Abende sind auf Fotos im Pilgerbuch festgehalten. „Es kommen Menschen quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten, die meisten sind auf der Suche“, erzählt Tausch.

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